Im Abendblatt ist heute mal wieder eine dieser Horrorstories über die St. Pauli Finanzen. Zum Glück ist man diesbezüglich schon so ziemlich schmerzfrei, den Morgenkaffe habe ich mir dadurch zumindest nicht verderben lassen
Der Artikel lässt das parallel in der MoPo erschienene Stanislawski-Interview überholt aussehen, vielleicht war es ja genau so beabsichtigt.
Stani philosophierte ja von Spielerbeobachtungen in der 2. Liga und von punktuellen Verstärkungen des Teams für den geplanten Aufstieg 2006.
Im Abendblatt sieht es nun so aus, als sein das völlig unrealistisch, was ja auch eher dem bisherigen Wissensstand entspricht.
Sehr suspekt finde ich die Äußerung von Littmann „Wenn jemand den Merchandising Bereich als cash cow bezeichnet, kann ich darüber nur lächeln“.
Ok, bei St. Pauli kann man das sicherlich, weil dem Club nur lächerliche 10% der Merchandising-Umsätze bleiben, bei einer Vertragslaufzeit von 30 Jahren.
Aber ob die Fans, die vom sauer verdienten Geld brav immer die neuesten Fanartikel kaufen (und seien sie manchmal noch so albern) und für Bundesligawürdige Umsätze sorgen, es auch lustig finden, das ihr Geld dank unglücklich ausgehandelten Vertragsbedingungen kaum den FC St. Pauli erreicht?
Und das hochgelobte Trainingszentrum an der Kollaustraße steht jetzt offensichtlich auch zur Debatte.
Der komplette Abendblatt-Artikel:
St. Pauli: Finanzkrise ohne Ende
Geldnot: Präsident Littmann engagiert sich mit 300 000 Euro - Etatkürzung fast unvermeidlich
Von Christian Pletz, Alexander Laux
Hamburg - Der FC St. Pauli und das liebe Geld. Heute wird am Millerntor gegen Hertha BSC gespielt. Am Wochenende sprechen Präsidium und Aufsichtsrat über die immer noch prekäre Finanzlage des Klubs. Das Hauptproblem ist und bleibt die Liquidität. Z
uletzt war St. Pauli nicht in der Lage, die für den Rückkauf der Vermarktungsrechte fällige Rechnung des Unternehmens "upsolut" zu zahlen.
St. Paulis Geschäftsführer Frank Fechner behauptet zwar, daß "die Begleichung erst in drei Wochen fällig ist", vertragsgemäß wartet der Vermarkter aber bereits seit drei Wochen auf eine Überweisung. Der ursprüngliche Anspruch an den FC St. Pauli in Höhe von einer Million Euro wird durch dessen Verkauf von 25 Prozent der Merchandising-Rechte an das Unternehmen um rund 200 000 Euro reduziert. Weil "upsolut" zudem eine Option für den Erwerb von weiteren 15 Prozent wahrnehmen will, steht nur noch eine Restzahlung von 600 000 Euro plus Verzugszinsen aus. Interessant:
Die Vertragslaufzeit für die exklusiven Verkaufsrechte für St.-Pauli-Produkte liegen für die nächsten 30 Jahre bei "upsolut", und danach hat das Unternehmen die Möglichkeit, per Option beliebig oft zu verlängern. St. Pauli bleiben nur noch zehn Prozent des Gewinns. Littmann sagt aber: "Wenn jemand den Merchandising-Bereich als ,cash cow' bezeichnet, kann ich nur darüber lächeln. Das ist Unsinn."
St. Paulis Vizepräsident Marcus Schulz verhandelte in den vergangenen Tagen mit "upsolut" über eine Aufschiebung der Zahlung. Hintergrund:
St. Pauli braucht zur Begleichung das zinslose Darlehen des Catering-Unternehmens Holz in Höhe von 800 000 Euro. Der Rostocker Unternehmer Wolfgang Holz bewilligte dem Kiezklub diese Summe und erhielt im Gegenzug für zehn Jahre das Recht, bei Heimspielen für das leibliche Wohl der Zuschauer zu sorgen.
Bislang blieb die Bezahlung aus. Holz, Aufsichtsrats-Vize bei Hansa Rostock, sagt: "Es sind nur noch einige formelle Dinge zu regulieren, die Zahlung wird in der nächsten Woche erfolgen."
Sollte aber St. Paulis Finanznot noch akuter werden, könnte Littmann auch privat betroffen sein. Der Präsident bestätigte, daß er sich mittlerweile mit 300 000 Euro aus seinem Privatvermögen beim FC St. Pauli engagiert. 200 000 Euro gingen lizenzbedingt in die DFB-Bürgschaft, über weitere 100 000 Euro gewährte Littmann dem Verein kürzlich ein Privatdarlehen. Der Theaterchef, zu Amtsbeginn noch Gegner finanzieller Unterstützung aus dem Privatvermögen, empfindet diese Entwicklung nicht als optimal: "Das ist nicht unproblematisch!"
Kurz- bis mittelfristig, da sind sich die Verantwortlichen einig,
müssen weitere Sparmaßnahmen getroffen werden, um eine Insolvenz zu verhindern. Die Aufgabe des Trainingszentrums Kollaustraße wird bereits diskutiert. Und entgegen bisheriger Absichtserklärungen kann auch der 2,5-Millionen-Etat für die Drittligamannschaft kaum gehalten werden. Der neue Vizepräsident Holger Stanislawski, dessen Planungen bisher auf gleichbleibender Finanzlage basierten, wird sich bei seiner Spielersuche in der Zweiten Liga stark zurückhalten müssen. "Über kurz oder lang wird der Lizenzspielerbereich abspecken müssen", sagt Aufsichtsratschef Michael Burmester.
Das Ausmaß des Sparkurses hängt auch vom wirtschaftlichen Ergebnis dieser Saison ab. Momentan liegt St. Pauli 300 000 Euro hinter den erwarteten Einnahmen, Fechner rechnet mit einem Saison-Minus in dieser Größenordnung. Einigkeit herrscht darüber aber nicht. Littmann: "Meine Prognose ist, daß wir mit einem leichten Plus abschließen."
erschienen am 26. November 2004 in Sport