Zvonimir Soldo - der alte Mann und der Ball
"Zvonimir Soldo ist in seiner jetzigen Form einer der wertvollsten Bundesliga-Spieler. Nach dem Sieg des VfB Stuttgart gegen Leverkusen und vor dem Uefa-Cup-Spiel am Donnerstag gegen Budapest bremst er die Euphorie: "Wir haben noch nichts erreicht."
So ein ganzes langes Leben unterteilen wir gerne und der Übersichtlichkeit halber mit Hilfe der Jahreszeiten. Vom tatendurstigen, jugendlichen, wunderbaren Frühling über den Sommer geht es dann ganz rapide hinüber in den Herbst des Lebens. Und dann folgt der eisige und steife ... Aber nein, lassen wir das lieber. Jedenfalls bedient sich auch der Sportjournalist gerne dieser Diktion. Man redet dann vom zweiten, vom dritten und vom vierten Frühling einer Sportlerlaufbahn.
Jetzt, im meteorologischen Frühherbst, steht Zvonimir Soldo da und soll über den vierten Frühling seiner Karriere berichten. Er könnte jetzt zum Beispiel sagen: "Bei mir ist es wie beim Wein. Je älter, desto besser." Oder er könnte ein anderes Fußballklischee bemühen: "Es gibt keine alten und keine jungen Fußballer. Es gibt nur gute und schlechte." Das tut er aber nicht. Er steht da mit der stoischen Gelassenheit des 36-jährigen Routiniers. Kein Gel im Haar, kein maßgeschneiderter Anzug, ein Handy aus dem Vorjahr, was in Fußballerkreisen schon als antiquiertes Modell gilt und jüngere Kickerkollegen zu einem mitleidigen Lächeln veranlasst.
Soldo spricht so unaufgeregt, wie er spielt. Wie die Laufwege auf dem Feld, so sind auch seine Worte wohl kalkuliert. Wenn Soldo während des Spiels irgendwohin läuft, dann macht dies Sinn. Wenn er den Mund aufmacht, genauso. Ziellos umherirren, ist nicht die Sache von Zvonimir Soldo, gedankenloses Plaudern ebenfalls nicht. "Die Ökonomie des Fußballs", müsste seine Biografie dereinst lauten.
Denn mitten im Rudel der jungen Wilden ist Zvonimir Soldo mit seiner majestätischen Erscheinung der ruhende Pol im Spiel des VfB Stuttgart. Fünf Schritte nach links, Ball annehmen und sofort weiterspielen. Einige Schritte nach rechts, Ball wieder fordern und das Spiel sofort wieder schnell machen. Kein Firlefanz, keine Hackentricks, einfach das machen, was man kann und die Fehlerquote minimieren. So funktionieren sie, die schlauen Fußballfüchse. "Der Mann spielt derzeit überragend", sagt der VfB-Trainer Matthias Sammer über seinen Kapitän.
Solche Komplimente quittiert der kroatischstämmige Musterschwabe mit einem scheuen Lächeln. Auch die lobenden Worte des Trainers entlocken ihm nicht mehr als ein dankbares kurzes Nicken. "Solange wir Soldo in der Mannschaft haben", sagt Sammer, "kommt kein Larifaribetrieb auf." Für Soldo selber ist klar, "dass ich halt mal im Training dazwischengehen und was sagen muss. Im Spiel es ja zu spät."
Soldo ist das Gewissen des Stuttgarter Kollektivs, die Seele der Mannschaft, die ordnende Hand auf und neben dem Platz und auf Grund seiner herausragenden Leistungen in dieser Rolle auch respektiert. Gesunde Hierarchie nennt man diese Konstellation. Und Soldo bleibt, wie gewohnt, auch in der Stunde der Euphorie der Mann der mahnenden Worte. "Es sind sechs Spieltage vorbei. Viel zu früh für irgendwelche Prognosen", sagte er nach dem 3:0-Erfolg gegen Leverkusen. Und auch das Uefa-Pokalspiel am Donnerstag gegen Ujpest Budapest ist nach dem 3:1-Auswärtserfolg für Soldo nicht nur eine reine Pflichtaufgabe. "Eine konzentrierte Leistung", fordert der Kapitän ein, wohl wissend, dass ein kurzes Nachlassen im Fußball fatale Folgen haben kann.
Vor acht Jahren kam Zvonimir Soldo aus dem kriegsgeschädigten Kroatien zum VfB Stuttgart. Das Gesicht ist faltiger geworden, körperlich ist er dennoch in einer beneidenswerten Verfassung, und man hat das Gefühl, sein durchtrainierter Körper würde eher Moos denn Fett ansetzen. Die Vertragsverlängerung mit Zvonimir Soldo über diese Saison hinaus ist angebahnt. Nie war der dieser Mann wertvoller als heute. Der alte Mann und der Ball. Eine Erfolgsgeschichte, die noch lange nicht zu Ende ist."
@ziraz! Ja, isch lärne! Heute zu hause, weil isch bin krank