"Wir haben wieder eine Zukunft"
München/Dortmund - Auch am Dienstag steckte Hans-Joachim Watzke der wohl schwierigste Tag in der jüngeren Vereinsgeschichte von Borussia Dortmund noch in den Knochen.
"Ich war fix und fertig", sagt der Geschäftsführer erleichtert, nachdem die Anlegerversammlung des Stadionfonds "Molsiris" mit 94,43 Prozent dem Sanierungskonzept der börsennotierten BVB KGaA zugestimmt hatten.
Stars sollen gehalten werden
Doch nun geht die Arbeit erst richtig los, denn nach wie vor hat der Klub rund 90 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Unter anderem muss das Budget für das Profi-Team erheblich gekürzt werden, so dass die Trennung von zahlreichen Spielern praktisch feststeht.
Das gilt vor allem für Akteure wie Sunday Oliseh, Evanilson, Ahmed Madouni oder Niclas Jensen, deren Verträge ohnehin auslaufen. Stars wie Christoph Metzelder, Sebastian Kehl und Jan Koller wollen die Westfalen dagegen halten.
Im Gespräch mit Sport1 spricht Watzke über die Umsetzung des Rettungsplans, die sportliche Perspektive der Borussen und nimmt zu den Gerüchten über eine baldige Trennung von Manager Michael Meier Stellung.
Sport1: War der 14. März der wichtigste Tag der Vereinsgeschichte?
Hans-Joachim Watzke: Wahrscheinlich schon. Wenn du weißt, dass du am nächsten Tag nicht mehr existierst und in die Insolvenz marschieren musst, mit allen Konsequenzen die sich daraus ergeben, dann ist das an Wichtigkeit nicht mehr zu überbieten.
Sport1: Für Reinhard Rauball war es der "schlimmste Tag seines Lebens". Haben Sie das auch so empfunden?
Watzke: Ja, das war von der Anspannung her kaum mit etwas zu vergleichen. Ich müsste auch nachdenken, ob es da in meinem Leben schon einmal etwas Schlimmeres gab. Während der Versammlung selbst war die ganze Geschichte sehr auf Kante, weil die Stimmung am Anfang doch sehr feindlich und emotional war. Wir konnten das erst im Laufe der Zeit einigermaßen drehen. Nach fünf Stunden saßen wir unten im Podium und guckten dann auf diese Wand. Du weißt genau, die Zahl, die da erscheint, entscheidet das Schicksal von Borussia Dortmund. Da war ich nachher fix und fertig.
Sport1: Sie waren sich also nie richtig sicher?
Watzke: Nein, überhaupt nicht. Niemand hätte während der Versammlung so ein Ergebnis prognostiziert. Es haben alle gesagt, dass es sehr knapp ist, auch Leute, die sehr oft auf solchen Veranstaltungen sind. Alle waren hochnervös.
Sport1: Haben Sie den Erfolg noch gefeiert?
Watzke: Ich habe mit Reinhard Rauball mit einem Bier angestoßen, aber sonst gar nichts. In unserer Situation gibt es sowieso keinen Grund zu feiern. Ich empfinde Dank an die Fond-Zeichner, aber auch an die gesamten Gläubiger, dass sie uns das Sanierungskonzept abgesegnet haben. Ich weiß aber auch, wieviel Mühsal damit jetzt noch verbunden ist und wie viel Anstrengung, das dann auch konsequent durchzuhalten.
Sport1: Das heißt die Arbeit ist noch nicht getan, sondern fängt jetzt erst richtig an?
Watzke: Wir haben eine klar durchgreifende, konservative Planung für die nächsten fünf Jahre. Insofern ist da viel Vorarbeit von Rölfs-Partner geleistet worden. Entscheidend ist dabei, dass wir das mit Leben erfüllen und es gelingt, trotz des schmalen Budgets für die nächsten Jahre eine ambitionierte Mannschaft zusammenzustellen. Das können wir schaffen. Es lässt sich aber nicht alles planen. Wir müssen uns den Rahmenbedingungen beugen und sehen, dass wir das Beste daraus machen.
Sport1: Droht ein Ausverkauf der Mannschaft?
Watzke: Es droht überhaupt kein Ausverkauf. Ich schließe nicht aus, dass wir ein, zwei Transfers machen. Aber nur unter der Prämisse, dass es sich lohnt für uns und die Preise stimmen. Im Sanierungskonzept - und das ist das Maßgebliche - ist kein Transfer vorgesehen.
Sport1: Sie haben gesagt, Sie wollen Metzelder, Kehl, Dede und Koller halten.
Watzke: Diese Spieler werden auch 2005/2006 für den BVB auflaufen. Mit dieser Aussage auf der Versammlung wollte ich zeigen, dass wir auch in Zukunft noch Spieler mit einer gewissen Strahlkraft haben.
Sport1: Im Umkehrschluss wird nun spekuliert, dass Tomas Rosicky abgeben werden soll.
Watzke: Dazu gehört ja nicht viel Phantasie. Man weiß ja, welche Spieler bei uns das Objekt der Begierde sind. Wenn Rosicky ein gutes Angebot hat, und er sagt, er will wechseln, dann können wir darüber reden. Aber nochmal: Es steht nirgendwo geschrieben, dass wir jemanden verkaufen müssen.
Sport1: Sanierer Jochen Rölfs sprach nach der Zustimmung von einer "glanzvollen Zukunft". Ist er da über das Ziel hinaus geschossen?
Watzke: In so einem Moment, in dem man emotional berührt ist, darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Er wollte damit wahrscheinlich ausdrücken, dass wir jetzt wieder Vertrauen in die Zukunft haben können und das wir überhaupt wieder eine haben. Ein Verein wie Borussia Dortmund hat eine unglaubliche Kraft und Stärke. Es ist beeindruckend, wie die Fans und das gesamte Umfeld in letzter Zeit zu ihrem Klub gehalten haben. Das wollte er wahrscheinlich auch damit ausdrücken.
Sport1: Gibt es denn mittelfristig eine sportliche Perspektive oder steht erst die wirtschaftliche Gesundung im Vordergrund?
Watzke: Wir wollen beides! Das ist ja der Charme des Konzepts. Es ist zwar konservativ, aber gleichzeitig auch ambitioniert. Wir haben klare Etatansätze, von daher sind wir auch sehr durchsichtig. Wir gehen in die neue Saison mit einem Etat von 28,5 Millionen. Das ist so abgesegnet von allen Beteiligten. Wenn man gute Arbeit leistet, kann man damit eine gute Mannschaft auf die Beine stellen, die nicht nur um den Klassenerhalt spielt.
Sport1: Also sind Europacup-Spiele im Westfalenstadion nicht ausgeschlossen?
Watzke: Das würde ich so sehen.
Sport1: Zunächst einmal muss der BVB allerdings die Lizenz erhalten. Gehen Sie fest davon aus, dass es klappt?
Watzke: Das Sanierungskonzept ist eine sehr gute Grundlage. Kriterien für die Lizenzierung sind Eigenkapital, das wir mit 51 Millionen in einem weitaus ausreichendem Maße haben, und Liquidität für die kommende Spielzeit. Ich wüsste nicht, woran es scheitern sollte.
Sport1: Was sagen Sie zu dem Bericht der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", dass die Ablösung von Michael Meier beschlossene Sache ist?
Watzke: Ich wüsste das nicht. Ich habe darauf auch keinen Einfluss, weil das bei uns der Präsidialausschuss macht. Dem gehöre ich nicht mehr an.
Sport1: Haben Sie sich selber ein Ziel gesetzt, bis wann sie Ihr Amt ausführen wollen?
Watzke: Ich habe einen Vertrag bis 2006. Das ist für mich sicherlich keine Lebensstellung als Geschäftsführer vom BVB. Meine Lebensaufgabe ist der Klub. Ich werde Borussia Dortmund in irgendeiner Weise immer verbunden bleiben. Wie lange ich in der Geschäftsführung bin, ist aber völlig offen.
Das Gespräch führte Martin Volkmar