"Der Trainer ist ganz normal"
FUSSBALL / Torhüter Darius Kampa über Dick Advocaat, über Quertreiber, Klavierspieler und die Qualität der Borussia.
GLADBACH. Die Ansprüche sind hoch. Entsprechend groß ist die Enttäuschung. Mit vielen neuen Spielern in einem neuen Stadion sollte es mit Borussia Mönchengladbach aufwärts gehen. Doch spätestens mit dem 0:6 in Berlin ist der Fußball-Bundesligist unter dem neuen Trainer Dick Advocaat in akute Abstiegsgefahr geraten. Die NRZ sprach mit Torhüter Darius Kampa vor dem letzten Heimspiel der Hinrunde am Sonntag gegen Bayer Leverkusen über Quertreiber, Klavierspieler und die Qualität seiner Mannschaft.
NRZ: Wie lange haben Sie gebraucht, um das 0:6 bei Hertha BSC zu verarbeiten?
Kampa: Schwer zu sagen. Ich denke schon, dass ich das ganz gut verarbeitet habe. Aber letztendlich wird man das erst am Wochenende auf dem Platz sehen.
NRZ: Sind sechs Gegentore demütigend, zumal wenn das letzte Tor durch einen arrogant gelupften Elfmeter erzielt worden ist?
Kampa: Demütigend würde ich nicht sagen. Es ist schon so, dass es einen sehr nachdenklich stimmt, weil sechs Gegentore schon ein Tick zu hoch sind. Man kann immer ein Spiel verlieren, aber man darf nicht mit 0:6 verlieren. Das ist für mich, aber auch für die Mannschaft nicht einfach. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, die Sache zu verarbeiten.
NRZ: Sind Sie ein Mensch, der Niederlagen mit nach Hause nimmt und dort Trübsal bläst?
Kampa: Ich habe inzwischen gut gelernt zu trennen. Wenn man Niederlagen gedanklich mit nach Hause nimmt, sinkt die Lebensqualität auf Null. Man hat dann kein Kontrastprogramm, man kann sich nicht entspannen, was der künftigen Leistung schaden kann. Es ist zwar grundsätzlich sehr wichtig, dass man sich Gedanken macht, aber wenn man nach Hause kommt, muss man solche Probleme auch ausblenden können. Das ist wichtig.
NRZ: Sie spielen gerne Klavier. Hilft das beim Entspannen?
Kampa: Bei mir wird jetzt viel auf diese musikalische Schiene geschoben. Richtig ist, dass ich mich für sehr viele Sachen interessiere, die mir auch helfen, mich abzulenken. Denn wenn man nur diese Fußball-Einbahnstraße hat und dann in einer sportlich problematischen Situation steckt, würde man irgendwann verrückt und wahnsinnig werden.
NRZ: Sie wurden unlängst mit dem Satz, ich brauche Nahrung für den Geist zitiert.
Kampa: So ein Zitat ist schlimm für mich, weil die Leute mich dann in eine bestimmte Ecke stellen. Trotzdem ist der Satz schon richtig. Würde ich mich ganz allein auf den Fußball konzentrieren, würde ich richtig müde und träge werden. Das ist auch nicht gerade förderlich.
NRZ: Trotzdem dürfte natürlich eine gewisse Konzentration auf den Fußball Pflicht sein. Gerade jetzt, wo Gladbach den Eindruck vermittelt, dass die Mannschaft keine Einheit ist. Was ist los? Gibt es Quertreiber?
Kampa: Die Geschichte mit den elf Freunden - ich weiß nicht, ob es sie jemals gab - heutzutage gibt es sie jedenfalls nicht mehr. Es geht darum, dass man sich vernünftig in die Augen schauen kann, dass man vernünftig miteinander umgeht, und da habe ich eigentlich immer das Gefühl gehabt, dass das ganz okay gewesen ist. Dass hier und da auch mal Unstimmigkeiten herschen, ist klar. Aber das ist überall so.
NRZ: Das klingt ratlos...
Kampa: ...die Frage ist, was ist der ausschlaggebende Punkt für unsere Situation? Wenn wir es wüssten, würden wir sagen, okay wir machen es anders und gewinnen das nächste Spiel. Aber so einfach ist es nicht.
NRZ: Ist der Trainer der ausschlaggebende Punkt?
Kampa: Wir müssen ja oft genug erklären, ob die Mannschaft überfordert ist mit dem System. Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin der Meinung, dass wir sehr zielgerichtet arbeiten und dass es irgendwann fruchten wird. Aber es fruchtet halt im Momemt noch nicht.
NRZ: Ist Advocaat denn der richtige Mann für Borussia?
Kampa: Das ist auch so eine Frage... Als Spieler kann ich da natürlich nur die Standardantwort geben. Also, ich bin der Meinung, dass Dick Advocaat genau der richtige Mann für Gladbach ist und dass seine Arbeit, die er hier abliefert, irgendwann honoriert wird.
NRZ: Haben Sie Dick Advocaat schon mal lachen sehen?
Kampa: Ja.
NRZ: Wo? Im Keller?
Kampa: Er ist so wie er ist. Er verrichtet hier seine Arbeit. Und darauf konzentriert er sich voll. Das ist absolut legitim. Er lässt dann halt nichts anderes an sich heran. Ich denke, dass er ein ganz normaler Mensch ist, wenn die Arbeit getan ist.
NRZ: Advocaat hat wie Vorgänger Holger Fach behauptet, dass Borussia zu wenig Qualität habe. Als Spieler hört man das nicht so gerne, oder?
Kampa: Als Spieler sollte man solche Fragen normalerweise nicht beantworten. Wir sollten uns darauf konzentrieren, dass wir am Sonntag erfolgreich sind und dass wir grundsätzlich unsere Arbeit so gut es eben geht verrichten.
NRZ: Der Trainer fordert vier neue Spieler? Werden die wirklich gebraucht?
Kampa: Auch bei diesem Thema sollte man sich als Spieler heraushalten. Das geht uns nur indirekt etwas an.
NRZ: Vor Advocaat hat Gladbach gegen Bremen und die Bayern gewonnen, gegen schwächere Gegner aber zumeist enttäuscht. Das spricht dafür, dass das Potenzial nicht ausgereizt wird.
Kampa: Ich glaube, dass wir uns grundsätzlich ein bisschen leichter tun, wenn der Gegner mitspielt, wenn Räume geöffnet werden. Gegen Gegner, die defensiv eingestellt und taktisch diszipliniert stehen, sieht man, dass wir Probleme haben. Aber das wissen wir natürlich alle.
NRZ: Gegen ein spielstarkes Team wie Leverkusen wird demnach ein Sieg rausspringen?
Kampa: Ich hoffe es. Wir wissen, dass wir vor der Winterpause erfolgreich sein sollten und müssten.
NRZ: Was macht Sie sicher, dass die Borussia aus dem Tabellenkeller heraus kommt?
Kampa: Ich bin der Meinung, dass wir es schaffen werden. Aber wir müssen uns vor Augen führen, dass die Lage bedrohlich ist. Und diese aktuelle Situation müssen wir so annehmen, wie sie ist. (NRZ)
Quelle:
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