Immer das Gleiche mit Dortmund

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Immer das Gleiche mit Dortmund


Jedes Jahr gilt der BVB als stärkster Konkurrent der Bayern. Jedes Jahr bleibt er hinter ihnen. Dabei wäre mehr drin.

Eine Analyse von Oliver Fritsch

Dortmund wollte Meister werden. Das sagte der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vor der Saison, auch die Zugänge Mats Hummels und Emre Can gaben zu verstehen, etwas gewinnen zu wollen mit dem BVB. Immerhin gewann er am Samstag das Endspiel um Rang zwei, in Leipzig siegten die Borussen 2:0 und hielten einen Verfolger auf Distanz.

Überhaupt verläuft die Rückrunde der Dortmunder gut, dreizehn von sechzehn Spielen gewannen sie. Es gab zwar Enttäuschungen in dieser Saison, zuletzt die Heimniederlage gegen Mainz, aber die Champions League ist längst wieder gesichert, zum neunten Mal in zehn Jahren. Dortmund spielt wieder eine gute Saison.

Allerdings keine sehr gute, denn wieder wird Dortmund trophäenlos bleiben. Der aktuelle Vizetitel ist der neunte seit dem Doublegewinn 2012. Dem steht ein einziger DFB-Pokalsieg 2017 gegenüber. Über Leverkusen würde man längst Witze machen.

Jedes Jahr gilt der BVB als stärkster Konkurrent der Bayern. Jedes Jahr bleibt er hinter ihnen. Fragt man die Verantwortlichen in Dortmund nach den Ursachen, verweisen sie auf das Geld. Der Sportdirektor Michael Zorc schreibt per E-Mail: "Wir haben in der Bundesliga keinen Kampf mit gleichen Mitteln wie in England oder Spanien. Der FC Bayern ist – und das hat er sich erarbeitet – allen anderen in wirtschaftlicher Hinsicht deutlich voraus."

Das stimmt, der finanzielle Vorsprung der Bayern wächst. So uneinholbar, dass sie zwangsläufig achtmal nacheinander Meister werden müssen, sind sie freilich nicht. Es stimmt auch, dass der BVB seit Jahren vieles gut und einiges sehr gut macht. Doch damit er mal wieder vor den Bayern landet, müsste er noch mehr richtig machen und öfter sehr gute Entscheidungen treffen.

Vieles funktioniert in Dortmund wunderbar. Sehr gut ist der Verein im internationalen Markt vernetzt. Jüngstes Beispiel: Zur Rückrunde stieß das Fabelwesen Erling Haaland zu Dortmund, ohne dessen Tore Dortmund wohl schon im Januar aus dem Meisterrennen ausgeschieden wäre. Der 19-Jährige bringt eine neue Dimension von Physis in den Weltfußball. Nur wenig älter ist Jadon Sancho, der in dieser Saison mehr als ein Tor pro Spiel schoss oder in die Wege leitete. Eine sagenhafte Quote.

Zorc: "Wir sind kein Ausbildungsverein"

Zuvor hatten die Scouts Ousmane Dembélé und Christian Pulisic in sehr jungen Jahren nach Dortmund geholt. Sie alle bescherten dem Verein attraktiven Fußball und beim Weiterverkauf ein riesiges Transferplus. Zorc beschreibt die Strategie des Vereins so: "Es ist für uns eine Notwendigkeit, Spieler früh zu entdecken, sie zu entwickeln und mitunter auch mal die wirtschaftlichen Früchte zu ernten. Wir müssen versuchen, wirtschaftliche Unterschiede im Vergleich zu den finanzstärksten Klubs ein Stück weit auszugleichen. Lediglich eine Handvoll Vereine auf der Welt muss sich kaum Sorgen machen, Leistungsträger an die Konkurrenz zu verlieren."

In Fußballeuropa ist bekannt, dass man in Dortmund mit siebzehn Champions League spielen darf, nirgendwo sonst geht das auf diesem Niveau. "Unser wichtigstes Argument sind die Spielberichtsbögen", beschreibt Zorc die Strategie, Talente vom BVB zu überzeugen. "Borussia wird immer für einen Mix aus Erfahrenen und Hochtalentierten stehen. Wir sind aber kein Ausbildungsverein."

Dortmund spielt mit Libero

Doch auch wenn der BVB dies nicht sein möchte, wird er doch von einigen Spielern und Beratern so begriffen: als ambitionierteste Kaderschmiede Europas. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Sancho und Haaland weggehen, so wie das zuvor bei vielen anderen der Fall war. Zur Not beschleunigen die Spieler, die sie sich zu groß für die Borussia fühlen, ihren Abgang mit einem Friseurbesuch oder einem Streik.

Es ist das Henne-Ei-Problem: Blieben die Talente länger, wenn der Verein noch erfolgreicher wäre? Oder gewönne der BVB mehr Titel, wenn die Jungstars in Gedanken nicht längst woanders weilten? Kann der Verein mehr sein als eine internationale U-21 oder will er das gar nicht? Ihm würde in dieser Frage sicher helfen, wenn er mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs großzöge, wie das 15-jährige Wunderkind Youssoufa Moukoko, das in der neuen Saison zum Kader stoßen soll.

Zurück zur Kaderanalyse: Es ist seit Jahren das Gleiche mit der Borussia, starke Stürmer hat sie also nach wie vor. Damit sie einen Schritt nach vorn macht, müssten die Scouts aber auch mal Mittelfeld- und Abwehrtalente entdecken. Dort hapert's an Extraklasse. Axel Witsel, Thomas Delaney und Emre Can kamen im mittleren Fußballalter nach Dortmund, ohne vorher auf dem höchsten Niveau dauerhaft überzeugt zu haben. Witsel, zuvor in China gestrandet, hatte sogar nie zuvor in einer der fünf Top-Ligen gespielt. Dennoch steht er in der Hierarchie weit oben. Ebenso Can, der in Turin nicht mal in den Champions-League-Kader nominiert worden war.

Dass die beiden in Dortmund zu Spielern von höchstem internationalem Format werden – zu diesem Gedanken braucht man Optimismus. In den letzten Duellen mit den Bayern ging das Dortmunder Mittelfeld stets unter. Kreativeren Fußballern wie Mahmoud Dahoud oder Mario Götze fehlt es an Reife, sie werden in Dortmund aber auch nicht zu Leistungsträgern entwickelt. Julian Brandt macht es besser, aber auch er liefert nicht konstant Spitzenqualität.

Das größte Problem jedoch bleibt die Defensive. Das fängt im Tor an. Borussia Dortmund ist die Nummer zwei in Deutschland, zahlt die zweithöchsten Gehälter, doch kaum einer in der Branche rechnet Roman Bürki zu den Top fünf der Bundesliga. Freiburg und Frankfurt haben bessere Keeper. In den Spitzenspielen gegen Bayern und Leipzig fiel je ein Gegentor, nach dem alle Zuschauerinnen und Zuschauer dachten: Den hätte ein anderer gehalten. Dennoch hat der BVB den Vertrag mit dem Schweizer gerade verlängert.

Ebenso den mit Łukasz Piszczek, dem letzten Meisterhelden, der ununterbrochen dabei ist und regelmäßig zum Einsatz kommt. Der Pole ist sicher wichtig für die Kabine, inzwischen aber auch 35 und nicht mehr so schnell wie früher. Ein anderer Abwehrspieler, Manuel Akanji, wurde in dieser Saison schwächer als in der vorigen. Und die Außenverteidiger Achraf Hakimi und Raphaël Guerreiro, technisch einer der besten Dortmunder Kicker, schießen viele Tore und bereiten viele vor, geben aber der Abwehr nicht immer Stabilität.

Dortmunder Vintage-Fußball wird belächelt

Die Vereinsführung sah die Löcher hinten und kaufte vor der Saison Mats Hummels zurück. Der Abwehrchef ist ein guter Verteidiger. Watzke hält ihn für einen sehr guten Verteidiger, Thomas Tuchel, Joachim Löw, Niko Kovač oder Carlo Ancelotti tun das offenbar nicht. Bayern München ließ ihn ziehen. Entscheidend besser wurde die BVB-Abwehr mit Hummels nicht. Nach der Niederlage gegen Mainz machte Mario Basler auf seine Art auf Hummels' Tempodefizit und Verantwortung beim Gegentor aufmerksam: "Guck mal, wie er zurückläuft! Halten die ihn fest oder was macht er da?"

Hummels spielt inzwischen Libero. Denn Dortmund stellte nach einer Flut von Gegentoren in der Hinrunde, allein drei durch Paderborn, von zwei auf drei Innenverteidiger um, von Vierer- auf Fünferkette. Man kann diesen taktischen Rollback, der in Deutschland in Mode ist, pragmatisch nennen. Man kann es aber auch als Kapitulation bezeichnen, eine offensive Position zu opfern, um der Abwehr Halt zu geben. In der Klopp-Ära war die Borussia mit ihrem Gegenpressing, damals einem Alleinstellungsmerkmal, auch auf dem Platz progressiv.

Heute laufen bisweilen acht BVB-Spieler auf, die von der Position oder von der Anlage defensiv ausgerichtet sind. Dann kommen solche kargen Siege zustande wie das 1:0 in Düsseldorf. Gegen die meisten Gegner in der Liga genügt dieser Borussen-Catenaccio, gegen Bayern oder Paris Saint-Germain allerdings nicht. Im direkten Duell Ende Mai sah man im Münchner Strafraum selten schwarz-gelbe Farbe. Nach der Champions-League-Niederlage in Mailand im Herbst machte sich die italienische Presse über den "Vintage-Stil" der Borussia lustig, die nach "Schemen spielt, die vor zwanzig Jahren aktuell waren".

Favre ist nicht schlecht, aber auch nicht mehr

Das lenkt den Blick auf den Trainer, über den viel diskutiert wird – auf typisch deutsche Weise. Lucien Favre sei kein Motivator und zu ruhig, heißt einerseits. Doch bei seinen Spielern kommt seine ehrliche Art gut an, sonst hätte er sich nicht zwei Jahre gehalten. Peter Bosz überstand in Dortmund nicht mal eine Hinrunde. Viele bessere deutschsprachige Trainer wird der BVB nicht finden, und wenn er jemanden aus der ersten Kategorie an der Linie haben will, muss er das dreifache Gehalt zahlen.

Andererseits wird Favre als brillanter Fachmann verklärt, der Spieler besser mache. Dabei kam er 60-jährig ohne große Titel, sogar ohne jegliche Champions-League-Erfahrung nach Dortmund. In England, Spanien oder Italien hat man ihn nicht als Spitzentrainer auf dem Zettel.

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Sehr gute Analyse!
 
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