Interview mit Rauball

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Pottkind im Norden
Zum dritten Mal steht Dr. Reinhard Rauball (57) an der Spitze des BVB. Diesmal geht es ums Ganze: Überleben oder sterben.



kicker: Nach Ihrer Wahl am 14. November hat Sie der Sportinformationsdienst als Wunderdoktor bezeichnet. Schlägt Ihre Behandlung schon an, Herr Dr. Rauball?

Dr. Reinhard Rauball: Wichtig ist, dass ich für mich gedanklich Weichen gestellt habe. Weichen, die zu einem großen Teil aber noch nicht umgesetzt werden konnten. Wir werden dafür auch viel Zeit und Geduld brauchen und überzogene Erwartungshorizonte absenken müssen.

kicker: Was heißt das für den Fußball in Dortmund?

Rauball: Die Zeiten, in denen wir jeden zu uns rufen konnten, den wir haben wollten, sind vorbei. Wir werden versuchen, mit weitaus bescheideneren Mitteln als bisher eine konkurrenzfähige Mannschaft stellen zu können. Allerdings erkenne ich im Moment nicht, dass unser Ziel die Champions League sein kann.

kicker: Christian Wörns hat am Montag in dieser Zeitschrift die Hoffnung formuliert, dass "die oben" die Kurve kriegen. Können Sie dem Kapitän Mut machen?

Rauball: "Die oben" kriegen die Kurve umso leichter, wenn "die unten" sportlich das erreichen, was man sich wünscht. "Die oben" haben ganz schwierige Aufgaben vor sich. Wir müssen wirtschaftlich wie auch sportlich Extremleistungen bringen, um den Turnaround zu schaffen, dem Vertrauensvorschuss der Öffentlichkeit gerecht zu werden und dauerhaft eine Basis zu finden.

kicker: Die Geschäftsführung bastelt am Stadionrückkauf. Wie es heißt, soll unter Einbeziehung verschiedener Unternehmen und Banken ein 100-Millionen-Euro- Paket geschnürt werden. Wie ist der Stand der Dinge?

Rauball: Es gibt bei unseren Gesprächen Erfolg versprechende Ansätze. Ich möchte sie durch öffentliche Erklärungen nicht torpedieren.

kicker: Der Rückkauf würde den BVB beweglicher machen und die Liquiditätssituation schlagartig verbessern. Sollten die Verhandlungen scheitern, gehen dann unweigerlich die Lichter aus?

Rauball: Der Stadionrückkauf ist der gangbarste Weg, um in ein einigermaßen ruhiges Fahrwasser übergehen zu können. Falls er sich nicht realisieren lässt, müssen andere Konzepte auf den Tisch.

kicker: Die Kosten galoppieren davon, ohne dass im zweiten Saisonhalbjahr nennenswerte Einnahmen zu erwarten wären. Wie sehr macht Ihnen beim Stadionrücckauf der Zeitdruck zu schaffen?


Rauball: Der Zeitdruck macht enorm zu schaffen. Je früher es passiert, desto besser. Dass wir eine exorbitant hohe Summe monatlich an Belastungen zu tragen haben für die Miete des Stadions, muss reduziert werden, weil das Geld anderweitig benötigt wird. Je später der Rückkauf umgesetzt wird, desto mehr vermeidbares Geld haben wir ausgegeben.

kicker: Drohen Lizenzprobleme, falls der Deal nicht zustande kommt?

Rauball: Das kann man nicht sagen. Wenn dieses Schwerpunktthema gelöst würde, würde die verpfändete Summe von 52 Millionen Euro frei werden, was für die Lizenzerteilung 2005/06 ein sehr wichtiger Faktor wäre.

kicker: In Aktionärs- und Bankenkreisen wurde mit Unmut und Unverständnis darauf reagiert, dass Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier weiter die Geschäftsführung der KGaA bekleiden. Warum sind die beiden noch im Amt?

Rauball: Ich weiß, dass diese Konstellation draußen keinen ungeteilten Beifall findet, dafür haben die im Oktober vorgelegten Bilanzzahlen auch die entsprechende Veranlassung gegeben.

kicker: In der freien Wirtschaft hätten Niebaum und Meier längst ihren Hut nehmen müssen.

Rauball: Die Themen, die wir gerade angesprochen haben, sind in einem so fortgeschrittenen Stadium, dass ein Wechsel in der Führung zum jetzigen Zeitpunkt auch die Gefahr in sich birgt, dass Verhandlungen scheitern. Dieses Risiko einzugehen, verbietet sich.

kicker: Meiers Vertrag endet in einem halben Jahr. Wird er verlängert oder gibt es schon einen gegenteiligen Beschluss?

Rauball: Weder das eine noch das andere. Es hat diesbezüglich noch keine Beschlüsse gegeben.

kicker: Der BVB leistet sich mit Meier, Zorc und Reuter gleich drei Manager. Manche sprechen von einem Wasserkopf. Sie auch?

Rauball: Das ist ein Luxus, den ich vorgefunden habe. Dieser Zustand muss in den nächsten Wochen sicher kritisch hinterfragt werden.

kicker: Kritisch hinterfragt wurde auch die Person des Trainers. Warum stellen Sie sich hinter Bert van Marwijk?

Rauball: Ich halte es für richtig, dass er unser Trainer ist, und ich diskutiere nicht darüber, ihn abzulösen. Man muss Verständnis für ihn haben.

kicker: Mit dieser mageren Punktausbeute? Nach dieser Serie von Enttäuschungen?

Rauball: Van Marwijk kam im Sommer zu einem überraschenden Zeitpunkt. Er konnte sich gedanklich nicht auf die Borussia vorbereiten. Er konnte auf den Kader keinen Einfluss nehmen. Und er musste in der Vorbereitungszeit mit einem ihm unbekannten Kader einen Spagat hinlegen - eine knochenharte Vorbereitungszeit mit zwei wichtigen UI-Cup-Spielen kombinieren, mit denen die Internationalität auftragsgemäß erhalten werden sollte. Das war eine schwierige Situation für ihn. Dass es trotz allem einigermaßen gut gegangen ist, trotz des enttäuschenden Platzes, ist ein Zeichen dafür, dass der Trainer diesen ungewollten Neuanfang ordentlich bewältigt hat.


kicker: Beim Systemwechsel von 4-3-3 auf 4-4-2, beim Torwarttausch von Guillaume Warmuz zu Roman Weidenfeller oder bei der Streichung des vormals trainingsfreien Mittwochs entstand der Eindruck, dass van Marwijk zu seinem Glück gezwungen werden musste. Haben Sie oder andere ihm diese Änderungen souffliert?

Rauball: Unser Trainer hat es nicht verdient, dass er in ein solches Licht gerückt wird. Ich weiß, dass er von Teilen der Medien sehr kritisch beurteilt wird. Da verkennt man, dass van Marwijk eine große Stärke zeigt, indem er bereit ist, mit anderen zu diskutieren. Im Gegensatz zu anderen, die sich zum Markenzeichen setzen, dass man mit ihnen nicht diskutieren kann.

kicker: Von wem lässt sich van Marwijk inspirieren?

Rauball: Mit Michael Zorc und Stefan Reuter hat er zwei Leute an seiner Seite, die viele Titel gewonnen haben. Warum man sich deren Gedankengänge nicht zu eigen machen oder in seine Überlegungen mit einbeziehen sollte, ist mir schleierhaft.

kicker: Zuletzt musste man glauben, dass es Ihre Idee war, Salvatore Gambino demnächst hinter die Spitzen zu stellen und Tomas Rosicky defensiver zu postieren.

Rauball: Diesen Gedankengang öffentlich zu transportieren, war ein Fehler, da muss ich mir an die eigene Brust klopfen. Es tut mir Leid, dass dadurch der Eindruck vermittelt wurde, ich würde van Marwijk bei taktischen oder personellen Überlegungen reinreden. Dafür habe ich mich bei ihm inzwischen entschuldigt.

kicker: Sie haben nicht kategorisch ausgeschlossen, dass Sie die eine oder andere Rückrunden-Verstärkung vielleicht doch noch nach Dortmund lotsen werden. Welche Chancen sehen Sie dafür?

Rauball: Sie liegen bei unter 20 Prozent. Wir sind nicht ganz untätig. Aber ich möchte niemand Sand in die Augen streuen. Das Problem ist, dass ich den in Frage kommenden Spielern sagen muss, dass ihre Zeit in Dortmund notfalls sehr begrenzt ist - für die Rückrunde.

kicker: Profis wie Christian Wörns schielen noch auf Platz 5. Teilen Sie diesen Optimismus?

Rauball: Ich warne davor, dass eine Mentalität bei uns einzieht, nach der sowieso alles besser wird. Auf uns wartet ein gnadenloser Kampf gegen Mannschaften, die auch nicht absteigen wollen. Wir müssen in den ersten sechs Spielen den Abstand nach unten vergrößern. Wenn es dann gut läuft, mag man auch Gedanken nachhängen, wie weit man noch nach oben kommen kann. Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich das nicht für geboten.

kicker: Sie feiern am 1. Weihnachtstag Ihren 58. Geburtstag. Was wünschen Sie sich?

Rauball: Für mich persönlich Gesundheit, Lebensfreude und Gelassenheit. An erster Stelle wünsche ich mir aber, dass ich die Aufgabe, die ich vor sechs Wochen übernommen habe, im Sinne aller BVB-Sympathisanten erfolgreich bewältigen kann.

Interview: Thomas Hennecke
 
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