Jäggi-Interview zur Vorrunde und Ausblick

Besucher und registrierte Nutzer in diesem Thema...

Jäggi: „Ich strafe mit Liebesentzug"
René C. Jäggi, der Vorstandsvorsitzende des 1. FC Kaiserslautern, kündigt Gespräche über eine Vertragsverlängerung mit Trainer Kurt Jara (54) an. Trotz seiner Klage gegen den Verein wird Kamil Kosowski nicht gefeuert. Jäggi bedauert den Abschied von Torhüter Tim Wiese, empfindet viele Spielerberater als reine Profitis und fordert den mündigen Profi. Den FCK sieht der Schweizer, der bis 2006 unter Vertrag steht, auf einem sehr dünnen, aber immer stabileren Fundament: „Langsam sieht man, wie aus der Asche etwas entsteht."

Herr Jäggi, der Verein hat spätestens seit der Prozesslawine gegen die alte Führung, dem Stadionverkauf und der Finanz- und sportlichen Krise ein Imageproblem. Es gab nun eine kleine Erfolgsserie, den Derbysieg, 21 Punkte. Jetzt heißt es plötzlich Kamil Kosowski will Prämien für Spiele erklagen, die er gar nicht bestritten hat. Vor einem Jahr sind drei Spieler aus nichtigen Gründen entlassen worden. Wie gehen Sie jetzt damit um? Suspendieren Sie auch Kamil Kosowski?


Nein. Er hat eine feste Meinung, die ist wider alle Verträge, die geschlossen wurden und die er auch zum Teil unterschrieben hat. Wenn er dann diesen Schritt wählt, ist es sein gutes Recht. Ob es richtig ist, ist wieder etwas anderes.


Ist es nicht ein totaler Vertrauensbruch, wenn ich als Angestellter des 1. FC Kaiserslautern gegen meinen Arbeitgeber klage?


Ich sehe auch das mit ein wenig Distanz. Recht haben heißt nicht Recht kriegen. Wenn man sich über etwas nicht einigen kann, wovon man fundamental überzeugt ist, dann muss man einen Dritten fragen. Das hat er jetzt gemacht. Es ändert aber an meiner Wertschätzung ihm gegenüber als Spieler nichts. Er ist hier als Fußballprofi, und so lange er im Training und auf dem Rasen seine Leistung bringt, ist alles andere für mich eben eine negative Begleiterscheinung dieses Geschäftes.


Im Jahr 2004 hat der FCK sich von fünf Spielern aus den unterschiedlichsten Gründen getrennt - Thomas Hengen, Markus Anfang, Steffen Freund, Lincoln und jetzt Stefan Malz. Das wirft kein besonders positives Licht auf den Verein ...


Die drei Fälle der letzten Saison möchte ich nicht mehr diskutieren. Das ist vorbei. Es waren sportliche Überlegungen, persönliche Auseinandersetzungen zwischen dem damaligen Trainer Erik Gerets und den Dreien, wobei es bei Steffen Freund rein sportliche Gründe waren und bei den anderen beiden sehr wahrscheinlich auch zwischenmenschliche Probleme. Stefan Malz, dessen Vertrag zum 30. Juni 2005 ausgelaufen wäre, hat im Bereich Disziplin - bei einem anderen Trainer - gewisse Dinge gemacht, die man als Angestellter eines Vereins nicht machen darf. Das hat dazu geführt, dass der Trainer gesagt hat, es ist besser du trainierst und spielst jetzt bei den Amateuren. Und dann hat er aus eigenem Antrieb im Dezember gesagt, er möchte seinen Vertrag mit einer finanziellen Reduzierung vorzeitig auflösen. Und das haben wir dann getan.


Wenn bei Stefan Malz das Thema Disziplin im Vordergrund stand, warum darf dann Ciriaco Sforza die Führungskräfte in der Öffentlichkeit in einem „Sport Bild"-Interview fast als Idioten darstellen, ohne dass ihm etwas passiert?


Ich glaube, dass ihm zwischenmenschlich schon sehr viel passiert ist. Es hat ein Gespräch gegeben. Das zieht sich bei Herrn Sforza ja durch wie ein roter Faden: Schweizer Nationalmannschaft, Otto Rehhagel, Bayern München - jetzt. Ich glaube nicht, dass es einen Verein gibt, bei dem auf einer Messingtafel steht: Wir danken Ihnen für Ihre Öffentlichkeitsarbeit. Und solche Dinge muss man wissen, wenn man Ciriaco Sforza holt. Aber wir entscheiden selbst, wann wir auf Vorwürfe reagieren. Ich persönlich lasse mich auch nicht provozieren. Ich habe ihm als Landsmann aber meine Meinung gesagt.


Ist das Thema von Vereinsseite mit den Spielern besprochen worden? Es sind viele neue Profis zum FCK gekommen, die auf ihre Art und Weise versuchen, zur positiven Außendarstellung des Vereins beizutragen und sich sicher wundern, dass andere genau das Gegenteil tun dürfen, ohne dass Konsequenzen gezogen werden.


Es hatte Konsequenzen. Meines Erachtens muss nicht immer alles an die große Glocke gehängt werden. In der Mannschaft herrscht Teamgeist. Und die Spieler sehen, wie der Trainer und ich auf gewisse Dinge reagieren. Die Führungsspieler haben sicher registriert, was das Interview verursacht hat. Konsequenzen sind immer sehr individuell, weil sie auch sehr unterschiedlich Schmerzen verursachen. Es gibt Leute, die man mit Geld strafen kann, andere mit Liebesentzug. Ich habe kein Pauschalrezept, wie ich Zuneigung oder Liebe verteile oder Strafe. Ich bilde mir aber ein zu wissen, wen ich wie treffen kann.


Markus Anfang und Thomas Hengen sind seit ihrem Rauswurf sportlich nicht mehr auf die Beine gekommen. Empfinden Sie zumindest so etwas wie Mitleid?


Im Falle von Markus Anfang trifft das nicht zu. Er hat sofort danach einen Job in Cottbus gefunden.


Er war aber gar nicht in der Lage zu spielen, auch weil er krank war ...


Ich glaube nicht, dass wir da jetzt noch soziale Verantwortung übernehmen können. Sportler müssen mit Rückschlägen wie Verletzungen, nicht spielen, nicht aufgestellt werden leben. Wenn ich sehe, was mit anderen Spielern passiert ist, die mal hier waren und vom FCK weggingen, dann gibt es Fälle, an denen man sich orientieren kann. Miroslav Klose ist ein typisches Beispiel. Er hat hier gekämpft, geackert, auch als er schwer verletzt war, ging dann weg, kam anfangs völlig unter die Räder und hat sich durchgesetzt. Heute spricht jeder von der Klasse eines Miroslav Klose.


Miro ist hier aber mit 1000 Küssen verabschiedet worden, die anderen beiden haben einen Knüppel auf den Kopf gekriegt.


Mir tut es um jeden Sportler Leid, der nicht spielen kann. Aber wir können nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass jemand, der hier weggeht, danach in ein Loch fällt.


Und Lincoln, war es reines Kalkül?


Es könnte ja umgekehrt genauso sein. So wie Sie mir jetzt Kalkül unterstellen, kann ich ja auf der anderen Seite sagen, vielleicht hat man es so geplant, um Mehrwert zu schaffen. Hier nicht spielen, abhauen, dann irgendwohin und gut spielen. Er hatte beim FCK eine gute erste Saison. Dann gab es Verletzungen, nicht nur bei Kurt Jara, auch schon vorher bei Erik Gerets, Reinhard Stumpf und Andy Brehme. Wenn Sie alle zu Lincoln befragen, lautet die Antwort immer: genialer Fußballer. Und alle, die das Vergnügen hatten, ihn hier in der ersten Saison zu sehen, vergleichen das mit dem, was er jetzt auf Schalke leistet. Er ist ein hervorragender Fußballer, aber auch jemand, der eine Sonderbetreuung braucht. Ich habe Lincoln persönlich nach Basel gebracht, bei meinem Vertrauensarzt untersuchen lassen, meine Frau hat sich um ihn gekümmert. Sich um den Spieler zu kümmern, ist aber letztendlich Tagesgeschäft der Trainer. Aus der Position von Kurt Jara war nicht zu akzeptieren, dass Lincoln mitten im Abstiegskampf eine Verletzung daheim in Brasilien auskurieren wollte. Dem Trainer wie dem Spieler war deshalb klar: Geschieht das trotzdem, bedeutet dies das Ende der Zusammenarbeit.


Gegenwart ist die Torwartfrage.


Wir arbeiten daran. Es gibt sehr, sehr viele Torhüter, die sich bewerben, die wir beobachtet haben. Der Trainer hat gesagt, er hat volles Vertrauen zu Thomas Ernst. Er ist sehr erfahren, aber wenn ihm was passiert, dann haben wir mit Florian Fromlowitz einen 18-Jährigen im Tor, der noch kein Bundesligaspiel bestritten hat. Torwarttrainer Gerry Ehrmann wäre es recht, wir könnten sagen: Wir haben eine Nummer eins, aber dahinter eben auch eine Nummer zwei, die ab Sommer dann Nummer eins werden kann. Und es gibt ganz gute Kandidaten. Wenn Tim Wiese unterschrieben hätte, hätten wir jemanden für sechs Monate geholt. So suchen wir aber unseren neuen Torhüter.


Gewisse Vorwürfe von Tim Wiese und dessen Berater Roger Wittmann stehen im Raum, zu wenig Betreuung nach der Verletzung, kein persönlicher Kontakt ...


Tim Wiese hat sich die letzten zwölf Monate nicht einmal um einen guten Kontakt bemüht. Er hat nach dem dritten Saisonspiel gesagt, dass er weggehen und international spielen wolle. Ich habe nach der Verletzung gleich am nächsten Tag persönlich mit ihm gesprochen, ihm gesagt, dass wir ihn nicht fallen lassen. Aber auch das ist nicht meine Aufgabe, ich muss nicht jeden Tag mit einem verletzten Spieler sprechen. Wir haben ihm ein Angebot geschickt, er hat sich aber noch nicht mal persönlich bei mir gemeldet. Wenn jemand ein Angebot erhält, dann ist es aus meiner Sicht auch eine Selbstverständlichkeit für den Spieler, am nächsten Tag zum Telefonhörer zu greifen und sich zu melden. Stattdessen hatten wir aber einen völlig erzürnten Berater am Telefon, der sagte, diesen Stil akzeptiere er nicht, er habe die FCK-Strategie verstanden, jetzt sei das Tischtuch endgültig zerschnitten. Das war die Antwort auf ein gut gemeintes und großzügiges Angebot. Und das Angebot war besser als alles, was wir anderen Torhütern angeboten haben, die schon weit mehr Bundesligaspiele absolviert haben. Also sollte man nicht nur mir den Spiegel vorhalten, wenn wir von einem damals 18-Jährigen reden, der hier zur Nummer eins gemacht worden ist, der - ohne Verpflichtung von Vereinsseite - einen guten und fairen Vertrag bekommen hat und dem wir jetzt noch einmal das Ganze verdoppelt haben. Da müssen der Verein und ich selbst kein schlechtes Gewissen haben.


Welche Folgen hat der Streit für andere FCK-Spieler, die beim gleichen Berater sind?


Wir haben nicht eine Sekunde einen öffentlichen Streit angefangen. Es ist nur so, dass für mich unsere Vertragspartner, und dafür kämpfe ich, die Spieler und nicht die Berater sind. Für mich sind die meisten Spielervermittler ein geduldetes Übel, einer der größten strategischen Fehler der FIFA, das sage ich Sepp Blatter, wann immer ich ihn sehe. Ich akzeptiere diejenigen Berater, die vornehmlich die sportliche Weiterentwicklung eines Spielers im Auge haben und nicht nur finanziellen Gewinn für ihren Klienten, vor allem aber für sich selbst. Wir schließen keine Verträge mit Agenten, sondern zahlen nur leider anfallende Provisionen. Spielervermittler sollten sich eigentlich das Geld von den Spielern holen und nicht vom Verein, so wie es in der Personalberatung sonst üblich ist. In der jetzigen finanziellen Abwicklung ist das ein Blinddarm. Wie sollen wir denn von einem jungen Spieler erwarten, dass er auf dem Platz Verantwortung übernimmt, wenn er seine Zukunft ausschließlich seinem Berater überlässt. Echte Typen kommen selbst.


Welche Konsequenzen hat das für die anderen Spieler, die Wittmann vertritt, zum Beispiel Selim Teber oder Dimitrios Grammozis?


Keine, unsere Vertragspartner sind die Spieler. Und wenn Spieler sauer sind, dass ich sie behandle wie Menschen und wie Arbeitnehmer, sollen sie es sein. Ich will erwachsene Männer hier, sie werden auch wie erwachsene Männer bezahlt und respektiert.


Der Vertrag von Trainer Kurt Jara läuft aus. Er hat gesagt, er hat keine Eile ...


Das spricht für sein Selbstvertrauen. Wir werden jetzt in absehbarer Zeit zusammen essen gehen und sehen, wie wir die Zukunft gemeinsam abstecken.


Würden Sie von Ihrem Trainer nicht erwarten, dass er sich auch Spiele der FCK-Amateure und -Junioren ansieht?


Ich finde schon wichtig, dass wir einen Trainer wie ihn haben, einen Realo. Er weiß schon, welche Stärken und Schwächen die Nachwuchsspieler haben. Ich sehe wie er arbeitet, das ist sein Stil. Er ist aber vollständig informiert, was läuft - und das zählt.


Im Sommer laufen auch die Verträge von zehn Profis aus ...


Hervé Lembi haben wir bereits ein Angebot unterbreitet. Bei denen, die der Trainer halten will, werden wir uns in Kürze unterhalten, ob sie eine notwendige Gehaltskürzung akzeptieren können. Es ist aber noch nichts entschieden. Thomas Ernst weiß, welche Wertschätzung er genießt. Sich über Dimitrios Grammozis zu äußern, wäre zu früh. Selim Teber hat sich durch Leistungen und Tore bereits bestens empfohlen. Der Kader soll auf 20 Spieler reduziert werden plus zwei Junge. Es wird sicherlich noch einmal einen richtigen Schnitt geben.


Was ist mit den beiden Kamerunern Bill Tchato und Lucien Mettomo?


Bill Tchato sieht zum Vertragsende am 30. Juni 2005 die Chance, noch einmal etwas anderes machen zu können. Man spürt, wenn er spielt, dass er manchmal mit den Gedanken woanders ist. Bei ihm ist es wie bei vielen Afrikanern: Er will die nächsten zwei bis drei Jahre finanziell optimal bestreiten. Lucien Mettomo hat ein sehr gutes Auge für Menschen und Strukturen. Er ist sehr nah an den Trainer herangerückt, besitzt auch noch Vertrag, hat aber sicher auch den Traum von einem ganz großen Verein. Beide sind Stammspieler, die mental nicht so verwurzelt sind, dass sie auf Gedeih und Verderb bleiben.


Wie beurteilen Sie die momentane Stimmungslage beim FCK, rund um den FCK?


Fußball lebt von Emotionen. Tennisspieler Roger Federer hat mir kürzlich gesagt, du musst, wenn du oben sein willst, die „big points" machen. Der Sieg über Mainz war ein solcher „big point" in dieser Saison. Dieses Erfolgserlebnis war sehr wichtig für die FCK-Fans, für ihr Selbstbewusstsein, ihren Stolz und ihre Ehre. Umgekehrt habe ich jetzt in Mainz gesehen, dass diese Derby-Niederlage schmerzt. Der zahnlose Löwe ist plötzlich wieder da gewesen. Vorher war oft enttäuschend, dass wir die „big points" nicht gemacht haben. Deshalb spreche ich immer wieder von Charakter. Aber ich bin zuversichtlich, weil wir jetzt auch die Typen dazu haben. Mich hat hier schon gewundert, wie schnell der Stab gebrochen wird. Die Fans haben oft absolut null Geduld. Die Begeisterung ist heute so groß wie morgen der Zorn. Aber das liegt wohl an der großen Leidenschaft für Fußball und den FCK. Aber langsam sieht man, wie aus der Asche etwas entsteht. Wir sind auf dem richtigen Weg, das sieht man in der Liga und auch beim DFB so. Wir stehen zurzeit auf einem sehr dünnen, jedoch immer stabileren Fundament. Wir brauchen dennoch frisches Kapital, was nicht leicht wird, weil Fußball im Moment extrem schwierig zu verkaufen ist.


ron.de
 
Hoffentlich kann mit Lembi und eventuell Teber verlängert werden! Beispiel Werder Bremen zeigt das man Geduld mit Spielern haben muss. Klasnic galt da jahrelang als Megaflop!
 
DEVILINRED schrieb:
Hoffentlich kann mit Lembi und eventuell Teber verlängert werden! Beispiel Werder Bremen zeigt das man Geduld mit Spielern haben muss. Klasnic galt da jahrelang als Megaflop!


aber eigentlich kann es sich kein verein leisten jahrelang jemanden mitzuschleppen.
beim jungen teber seh ich noch steigerungspotenzial.
 
Oben