Jara-Interview in der Rheinpfalz

Besucher und registrierte Nutzer in diesem Thema...

Jara: Zusammenarbeit mit Jäggi ist optimal!
Kurt Jara, der Trainer des 1. FC Kaiserslautern, ist trotz des Fehlstarts überzeugt, das 40-Punkte-Soll zu erreichen und den Bundesliga- Klassenerhalt zu schaffen. Der Vertrag des 53-Jährigen, der die Zusammenarbeit mit Vereinschef René C. Jäggi und Teammanager Olaf Marschall lobt, läuft bis 30. Juni 2005. Ein Fernziel für den FCK-Trainer ist die Position des Nationaltrainers in Österreich. ¸¸Irgendwann", sagt der Trainer, der überzeugt von der Arbeitsmoral seiner Mannschaft ist, das Abwehrverhalten aber als verbesserungswürdig ansieht.

Herr Jara, wie haben Sie die Niederlage gegen Stuttgart mit Ihrer Mannschaft verarbeitet?


Ich habe die Kleinigkeiten angesprochen, meist auch mal kurz im Vier-Augen-Gespräch. Was soll ich auch groß rumreden? Jeder, der einen Fehler gemacht hat, weiß das. Was bringt es jetzt, das immer und immer wieder anzusprechen? Es geht darum, die Fehler so schnell wie möglich abzustellen. Die Fehler, die Gegentore, die Niederlagen sind Tatsachen. Die können wir nicht mehr ändern. Wir können nur die Zukunft verändern.


Wo sehen Sie die Gründe für den Fehlstart?


Wir kriegen zu viele Tore! Wir haben in zwei Heimspielen jedes Mal drei Tore bekommen. Das Abwehrverhalten der kompletten Mannschaft hat nicht gestimmt. Vier Tore in drei Spielen zu schießen, das ist der Schnitt in der Bundesliga. Aber acht Tore in drei Spielen zu bekommen, das ist die mit Abstand schlechteste Bilanz in der Bundesliga. Da wir mit einer relativ offensiven Aufstellung spielen, gegen Nürnberg mit zwei Außen und zwei echten Spitzen, gegen den VfB Stuttgart mit drei Spitzen, einem offensiven Mann dahinter, müssen auch alle nach hinten arbeiten. Das hat gegen Nürnberg absolut nicht gestimmt, da haben wir katastrophal gespielt. Gegen Schalke und Stuttgart haben wir durch individuelle Fehler verloren, weil wir im entscheidenden Moment nicht wach waren. Wir arbeiten daran, unser Abwehrverhalten zu verbessern.


Nach drei Niederlagen in Serie geht es nächsten Sonntag nach Rostock. Wie gefährlich ist Hansa, das sich mit dem Sieg in Schalke ja ganz schnell wieder aus dem Tal der Tränen geschossen hat?


In der Bundesliga kann es immer sein, dass sich einer gerade wieder aufgebaut hat und von einem anderen, der am Boden gelegen hat, wieder runter gerissen wird. Die Bundesliga ist so ausgeglichen ... Die Spiele in der Bundesliga sind heutzutage so ausgeglichen, dass einzelne Situationen entscheiden. Lassen wir mal das Nürnberg-Spiel außen vor, wo wir absolut katastrophal gespielt haben: Gegen Stuttgart haben wir zwei Fehler gemacht, zwei Tore bekommen, aber auch zwei Tore geschossen. Wir hätten vier schießen müssen. Die Mannschaft hat ja gezeigt, dass sie es kann. Der Ball muss ja nur über die Linie ...


Das Positivste an dieser Niederlage war ja wohl, dass Carsten Jancker einen Schritt nach vorn getan hat. Er war präsent, hat ein Tor vorbereitet, sein Tor geschossen. Zufrieden?


Jancker ist sehr aggressiv, auch im Training. Gut, dass er das Tor gemacht hat. Damit sind die Diskussionen, dass er so lange nicht mehr getroffen hatte, erst mal beendet. Er ist immer sehr präsent, er ist auf einem guten Weg.


Was macht Sie nach drei Niederlagen in Folge so optimistisch, dass Sie Ihr 40-Punkte-Ziel erreichen, den Klassenerhalt schaffen?


Ich habe meine Ziele immer erreicht. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist: Ich sehe, wie die Mannschaft arbeitet. Spiele werden heute mit einzelnen Aktionen entschieden, weil die Leistungsdichte in der Bundesliga so eng geworden ist. Wir hatten, trotz unserer individuellen Fehler, die Chance, gegen Stuttgart zu gewinnen: Wir haben zwei Tore gemacht, hatten noch zwei hundertprozentige Chancen. Gegen eine Mannschaft wie den VfB Stuttgart bekommt man nicht so oft so viele Chancen. Die man bekommt, die muss man nutzen. Dann gewinnt man auch die Spiele.


Der FCK ist mit seinen Standards chronisch ungefährlich. Weder nach Ecken, noch bei Freistößen passiert was Entscheidendes, seit Nenad Bjelica weg ist. Timo Wenzel hämmerte den Ball jetzt wiederholt in die Mauer. Warum sieht man keine anderen Varianten?


Weil wir in der entsprechenden Entfernung noch keine Freistöße bekommen haben. Da haben wir unsere Varianten mit Ferydoon Zandi. Aus 25 Metern hat es Timo Wenzel probiert, aber nur in die Mauer getroffen. Wir arbeiten aber daran. Auch an unseren Ecken.


Marco Engelhardt ist nach seiner Sperre in Rostock erstmals für den FCK spielberechtigt. Christian Nerlinger, der stellvertretende Kapitän, hat schon eine Lanze für Engelhardt gebrochen. Was erwarten Sie von ihm?


Man muss abwarten, denn er kommt aus der Zweiten Liga, hat bisher noch nicht in der Bundesliga gespielt. Er kann aber im Mittelfeld Akzente setzen, er ist laufstark und lautstark. Marco ist einer, der sich, zumindest in den Vorbereitungsspielen, auch verbal sehr stark eingebracht hat. Er kann uns weiterbringen.


Normalerweiser spielt Engelhardt die Position, die jetzt Thomas Riedl bekleidet hat. Riedl hat zuletzt gegen den Stuttgarter Hleb sehr gut gespielt. Muss Riedl jetzt dennoch raus, ist er das taktische Opferlamm?


Thomas hat gegen Hleb 85 Minuten ein sehr gutes Spiel gemacht. Er hat auch die zwei Pässe gespielt, die das Spiel hätten entscheiden können.


Also muss nicht unbedingt Riedl als Erster weichen, den Platz für Marco Engelhardt räumen?


Auf gar keinen Fall! Das sind Spekulationen. Thomas hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Ich habe die Diskussionen um ihn in der letzten Saison schon nicht verstanden.


Worauf führen Sie die neuen Abwehrprobleme Ihrer Mannschaft zurück?


Die Spieler haben sich alle sehr viel vorgenommen, es kann auch sein, dass sie übermotiviert gewesen sind. Sie spielen alle mit sehr viel Herz, man muss aber auch mit Kopf spielen! Wir hatten zu wenig Ruhe im Spiel, da hat sich einer vom anderen anstecken lassen. Wir müssen wieder viel mehr Ruhe in unser Spiel bekommen. Wir wollen zu viel, um die Erwartungen zu erfüllen. Die waren sehr hoch, im Umfeld, bei den Fans, den Medien. Bei uns allen! Vor allem aber auch bei jedem Spieler selbst. Da das schief gegangen ist, hat sich der Druck nur erhöht.


Sie wirkten nach dem 2:3 gegen Stuttgart und den ersten Jara-raus-Rufen auf dem Betzenberg total deprimiert. Wie sehr belastet Sie diese Situation?


Diese Rufe interessieren mich überhaupt nicht! Ich war nur niedergeschlagen, weil wir dieses Spiel verloren haben. Was die Leute rufen, das ist oft gesteuerte Stimmungsmache! Das belastet mich nicht. Es ist aber bedauerlich, dass ein Fanbeiratsmitglied des Vereins drei Tage vor einem solchen Spiel in einem Interview meine Ablösung durch Toppmöller fordert, dass es fast so klingt, als würde man sich eine Niederlage wünschen. Dass dann auch noch eine Radiostation nach dem Spiel meldet, ich würde sonntags gar nicht mehr kommen, ich sei schon weg, das ist schlechter Stil! Es ist beschämend, wenn eine Person, die ich noch nie bei uns beim Training gesehen habe, aus 100 Kilometern Entfernung nach dem ersten Spiel schreibt, ich müsste weg.


Ist es für Sie nicht pervers, dass quasi Kopfgeld auf den Trainer gesetzt wird, der als Erster raus fliegt und Sie in der Wettliste mit Toppmöller um Platz 1 ,,kämpfen"?


Das ist eine Spielerei. Das ist ein Ding dieser Gesellschaft. Da kann ich doch heute auf alles wetten. Auch auf den, der als nächster die Treppe runter fällt.


Wann rechnen Sie mit dem Comeback von Ioannis Amanatidis?


Nach dem HSV-Spiel, vielleicht gegen Wolfsburg. Es läuft gut, er ist zuversichtlich. Man muss abwarten, bis er mit der Mannschaft trainiert. So wie ich ihn einschätze, braucht er aber nicht lange Zeit, um in die Form zu kommen, die er hatte, als er kam.


Was erwarten Sie von Ihrem absoluten Wunschspieler?


Ich habe nicht umsonst so um ihn gekämpft, wollte Ioannis Amanatidis unbedingt haben. Und er hat ja bei uns sofort gezeigt, warum wir ihn geholt haben. Er ist für jede Deckung ein permanenter Unruheherd. Er ist ständig unterwegs, öffnet Räume, er schießt seine Tore und kann auch den Ball halten.


Rechnen Sie noch mit den Langzeitverletzten Sforza und Ramzy?


Bei Ramzy weiß ich nichts, den habe ich seit seiner Vertragsverlängerung nicht mehr gesehen. ¸¸Ciri" arbeitet, er meldet sich auch immer mal, unterrichtet mich. Er macht Fortschritte, es wird besser. Nur kann ich nicht sagen, er kommt in vier Wochen oder in vier Monaten zurück.


Wo setzen Sie im Training in dieser Bundesliga-Punktspielpause Ihre Schwerpunkte?


Wir haben die Woche über jeweils am Vormittag hart gearbeitet, auch im konditionellen Bereich. Da war jetzt Zeit, noch einmal was zu tun. Am Nachmittag haben wir im taktischen Bereich trainiert. Auch Einheiten für die Rückwärtsbewegung der Sturmspitzen waren in dem Programm.


Sie sind ein Verfechter der Viererkette, haben in dieser Serie aber einmal während des Spiels auf Dreierkette umgestellt, gegen Stuttgart gleich mit Dreierkette agiert. Abkehr oder taktischer Freiraum? Sie haben ja auch in der Offensive mit unterschiedlichen Systemen taktiert: eine Spitze, zwei Außen; Doppelspitze; drei Spitzen und Zandi als Offensivmann dahinter. Wollen Sie weiter variieren?


Ja, das lasse ich mir offen. Das hängt oft auch vom Gegner ab. Wir haben nicht diese absolute Klasse, um uns nicht nach dem Gegner ausrichten zu müssen. Wir müssen uns normalerweise am Gegner orientieren.


Was hat der 4:1 gewonnene Test gegen den FC Aarau am Freitag gebracht? Waren Sie zufrieden mit Ihrer Mannschaft?


Ja, spielerisch war das gut, denn das war immerhin ein Erstligist und wir hatten diese Woche viele Einheiten, haben sehr hart gearbeitet. Was mich ärgert ist das blöde Gegentor, denn ich wollte unbedingt zu null spielen. Aber das ist unser Problem: Wenn es ein bisschen läuft, werden wir schnell nachlässig. So eine Kopfballchance, wie wir sie zugelassen haben, die ist in der Bundesliga drin. Aber insgesamt war die Ordnung da, haben wir sehr diszipliniert gearbeitet.


Timo Wenzel ist aufgrund seiner Top-Leistungen in seinem ersten halben Dienstjahr beim FCK und seinem professionellen Auftreten fast folgerichtig Kapitän geworden. Seit Saisonbeginn ist Wenzel in einem Tief. Ist er durch die Kapitänswürde überlastet, übermotiviert, weil er es zu gut machen will?


Die Erwartungshaltung bei uns allen war eine andere. Das hat aber nichts mit der Kapitänsbinde zu tun. Die Mannschaft ist neu, letztes Jahr hatte Wenzel ,,Aleks" Knavs neben sich, der auch viel weggeschlagen hat. Es liegt nicht an der Binde, aber Timo hat nicht seine Form. Wir arbeiten daran und er tut alles, um wieder dahin zu kommen. Vielleicht war ja auch sein tolles Tor zum 4:1 gegen Aarau für ihn der große Befreiungsschlag.


Positiv gegen Aarau sicher die Leistung von Jurgen Gjasula in der Rolle des spielstarken Ferydoon Zandi?


Gjasula hat gezeigt, dass er auf der Position schon spielen kann. Er hat sich in den paar Monaten bei uns gut entwickelt.


Wie beurteilen Sie Ihre Zusammenarbeit mit FCK-Vorstandschef René C. Jäggi? Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit Teammanager Olaf Marschall?


Optimal! Die Zusammenarbeit ist absolut optimal. Wir sprechen sehr viel miteinander, reden über alles, diskutieren eventuelle Meinungsverschiedenheiten intern aus. Bei uns ist die Kommunikation gut. Es ist nirgends ein schwarzer Fleck.


Herr Jara, ohne Sie aus der Pfalz vertreiben zu wollen, was ist an den Spekulationen, Sie würden bald Nationaltrainer Österreichs und würden sich so auch einen Lebenstraum erfüllen?


Ich werde sicher irgendwann einmal Nationaltrainer in Österreich. Die Betonung liegt auf ¸¸irgendwann"! Darauf lege ich größten Wert! Ich hatte ja schon zweimal das Angebot, stand da aber unter Vertrag und konnte und wollte nicht. Aber es ist eine reizvolle Aufgabe, eine ganz andere Arbeit als im Verein Trainer zu sein. Und es ist auch etwas Besonderes, wenn man für sein Land arbeiten kann und darf.


Die EM 2008 in der Schweiz und Österreich ist für Sie sicher auch ein Traum, eine reizvolle Perspektive, oder?


Ich habe einen Vertrag bis 2005 beim 1. FC Kaiserslautern. Diesen Vertrag werde ich erfüllen. Und dann sehen wir weiter.


ron.de
 
Oben