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Wuschel

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Heute: Marc Wilmots!!! :spitze:


Der Senator lernt in der belgischen Fußballprovinz
Von Christian Eichler, Brüssel


05. Oktober 2004 Der Herr Senator übertreibt es nicht mit den Förmlichkeiten. "Willst'n Bier?", fragt Marc Wilmots nach dem Händeschütteln. Und öffnet den Kühlschrank. Bar-Atmosphäre am Mittag. Die Sonne wirft nur ein paar schüchterne Streifchen ins dunkle Spieler-Casino im Tribünenschatten des VV St. Truiden. Die neue, alte Welt des Marc Wilmots. Er war "Willi, das Kampfschwein", Volksheld auf Schalke. Er wurde Politiker, Senator im belgischen Parlament. Doch richtig zu Hause ist er hier: Trainer, das heißt Macher, Manager, Mädchen für alles bei einem belgischen Bauernklub.


Limburg, fruchtbare Provinz: Die Welt ist beschaulich, die Fußballwelt bescheiden. Wenn Wilmots seinen dicken BMW vor der Baracke des Erstligaklubs parkt, fällt Trainers Auto neben denen der Profis noch auf - anders als in Deutschland. Auch Trainers Zweitjob ist ungewöhnlich: Mittwochs und donnerstags sitzt Wilmots für die liberale Mouvement Reformateur im Senat in Brüssel. Einmal ist trainingsfrei, einmal übernimmt der Assistent. Doch auch an Donnerstagen kommt ein Wilmots nach St. Truiden. Der Vater, Bauer mit 80 Hektar und hundert Kühen, steht um vier auf, um Rinder auf dem Markt feilzubieten. "Er tut das seit vierzig Jahren", sagt der Sohn, der sein Haus hundert Meter von Vaters Gehöft im Dorf Dongelberg hat. "Wenn er nicht mehr arbeitet, fällt er tot um."

"Ich will kein Berufspolitiker sein"


Marc Wilmots: Vom Trainer in Schalke zum Senator in Belgien
Das muß in der Familie liegen. Am liebsten wäre Marc Wilmots wohl beides: Senator in Brüssel und Teamchef in Schalke, zwei Jobs, die ihn in seiner letzten Profisaison im Frühjahr 2003 ereilten. Doch es ging nicht: "Die schwerste Entscheidung meines Lebens", erzählt er im nachdenklichen Halbdunkel. Beim Freund und Nachbarn, dem belgischen Außenminister Louis Michel, stand er im Wort mit der Kandidatur; bei der Familie auch. "Doch jetzt ist mein Minister weg", sagt er. Michel wechselt in die Europäische Kommission. Wilmots gab Schalke auf, folgte seinem Minister, nun ist der weg: "So ist das Leben", sagt Wilmots. Darauf einen Schluck. Man hätte doch besser das Bier genommen.

Wilmots mag es so nicht sagen, aber es klingt durch: Wer einmal den Fußball, seine Leidenschaft und Volksnähe erlebt hat, ist für die Politik wohl verdorben. Findet nicht genug Geduld, um Jahrzehnte auf Erfolge zu warten, abhängig von Stimmungen und Allianzen. "Ich will kein Berufspolitiker sein", sagt der politische Amateur. Dabei hat er schon manches bewegt: "Ich wollte für eine Sportpolitik in Belgien sorgen, für mehr Sport in der Schule. Die anderen Parteien haben reagiert und den Sport in ihre Programme aufgenommen." Belgiens Kinder, klagt er, haben in Sachen Mobilität die schlechtesten Tests in Europa. Daß neue Sensibilität für Unbeweglichkeit und Übergewicht von Kindern entstanden sei, ähnlich wie in Deutschland, sieht Wilmots als einen Erfolg seiner Arbeit.

Die Discount-Elf schlägt sich wacker

Und doch: kein Ersatz für Fußball. Als am 15. April das Telefon ging, war die Sache unaufhaltsam. Es war Roland Duchatelet, der den VV St. Truiden retten wollte. "Der Klub war tot", sagt Wilmots. Es ist der Klub, bei dem er mit 14 begann, mit 18 Profi wurde. St. Truiden hat traditionell eine gute Jugendarbeit, ein kleines, treues Publikum. Doch wie anderen ländlichen Klubs in der "Jupiler League" fällt es schwer, modernen Anforderungen gerecht zu werden. Das Stadion hat drei marode Tribünen und eine moderne. "Und diese neue Tribüne", sagt Wilmots und zeigt auf die dunkle Barwand mit den Siegerfotos, hinter der der verhängnisvolle Neubau steht, "sie hat uns beinahe umgebracht".

Eine Million Euro Schulden, das klingt nach einem Witz in der BVB-Liga, aber nicht auf dem belgischen Land: St. Truiden stand vor dem Ruin. Dann kam Duchatelet, Geschäftsmann, Politiker, wurde Präsident, beglich die Schulden. Rief Wilmots an. Und der "konnte ich nicht nein sagen." Aus alter Treue, aus sportlichem Ehrgeiz. Zwölf Feldspieler, das war der Stand Mitte April - zwölf neue hat Wilmots geholt, die meisten billig und jung. Diese Discount-Elf, Schnitt 23 Jahre, schlägt sich wacker. Dem SC Charleroi trotzte sie zuletzt ein 2:2 ab. Beide Torschützen rannten wie die ganze Elf nach den Treffern auf den Trainer zu. Wilmots ist als Trainer, was er als Spieler überall war: das Herz der Mannschaft.

"Ich vermisse den Druck"

"Wenn wir in der Liga bleiben", sagt er, "ist das der größte Erfolg meiner Karriere." Und die hatte ja einiges zu bieten: den Uefa-Cup und zwei Pokalsiege mit Schalke; den WM-Auftritt 2002, als Belgien im Achtelfinale die Brasilianer am Rande der Niederlage hatte, hätte nicht der Schiedsrichter das reguläre Führungstor durch Wilmots aberkannt; die Berufung in die Weltauswahl für die Fifa-Gala gegen Real Madrid im Dezember 2002. Ist da die Provinz nicht die falsche Bühne? "Es ist der richtige Anfang für meine Trainerkarriere", sagt Wilmots. "Hier habe ich die Zeit, meinen Beruf zu lernen. In Deutschland wäre das nicht gegangen." Die Bundesliga reizt ihn immer noch. "Aber erst muß ich hier meine Arbeit erledigen".

Die gemütliche Heimat scheint zu klein für seine Energie. "Ich vermisse den Druck", sagt er. "Je mehr Druck, desto besser." Das kriegen auch seine Spieler zu spüren, wenn er im Training mitmacht: "Wenn ich merke, daß es zu wenig auf die Socken geht, dann komme ich rein." Marc Wilmots, ganz der alte? Nur ein kleines bißchen rundlicher. Das geht vielen so, die nach Belgien kommen oder zurückkommen: das leckere Bier, das gute Essen. Vier, fünf Kilo in eineinhalb Jahren, sagt er. Er klopft auf die Stelle, wo sich der Pullover ganz leicht vorwölbt. Und lacht laut los, daß man auch nicht anders kann. Jetzt vielleicht doch ein Bierchen, Herr Senator.

Quelle: faz.net


Ist doch mal interessant zu lesen, Marc Wilmots, der junge vom Land! :zwinker3:
Dieser Thread kann gern um andere Persönlichkeiten erweitert werden! :spitze:
 
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